Mit dem Kugelschreiber gegen 4.0-Change-Prozesse


In fast jedem Unternehmen laufen 4.0-Change-Prozesse. Doch oft gibt es Widerstand dagegen – entweder offen oder heimlich. Mit zu den Waffen gehören Papier und Kugelschreiber. Auch andere Fakten kamen bei der Jobmesse am 11. Februar bei einer Podiumsdiskussion am REFA-Nordwest-Stand auf den Stehtisch.

Beteiligt waren (von links nach rechts): Eberhard Jeromin (Geschäftsführer JETAS GmbH), Jutta Reiter, (Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds Dortmund), Dr. Patricia Stock, (Leiterin des REFA-Instituts), René Wöstmann (Institut für Produktionssysteme der TU Dortmund) und Moderatorin Dr. Birgit Lutzer (Pressestelle REFA Nordwest).

4.0-Change-Prozesse sind für manche Firmen eine Überforderung

Direkt in Firmen vor Ort sind René Wöstmann und andere Mitarbeiter des Instituts für Produktionssysteme (IPS) der TU Dortmund. „Wir ermitteln, wie Digitalisierungsprozesse umgesetzt werden können. Und wir liefern Hilfestellung, was den Umgang mit den so erzeugten, riesigen Datenmengen betrifft“, erläuterte er. Ihm und seinen Kollegen sei bei Forschungs- und Industrieprojekten aufgefallen, dass durchaus nicht alle Firmenchefs und Belegschaften mit großer Begeisterung auf den technischen Wandel reagierten. „Nicht nur die Auswahl der Daten, sondern deren Auswertung stellt Unternehmen vor große Herausforderungen, da zusätzlich zu domänenspezifischem Wissen Fachkenntnisse in IT und Mathematik bzw. Statistik vonnöten sind.“

Davon kann auch Eberhard Jeromin ein Lied singen. Der Geschäftsführer der JETAS GmbH aus Bochum, die sich auf elektrotechnische Anlagen und Steuerungstechnik spezialisiert hat, ist oft vor Ort bei Industriekunden. Er schildert eine skurrile Begebenheit, die seiner Aussage nach kein Einzelfall ist: „Bei einem meiner Kunden wurden Digitalisierungssysteme eingeführt. Ein Auftraggeber forderte Prozessdaten in einem bestimmten Format.“ Vorher habe ein Mitarbeiter die Einzelschritte auf einem Blatt Papier mit dem Kugelschreiber erfasst. Dabei sei es auch nach Einführung der Technologie geblieben, denn: „Der zuständige Mitarbeiter schrieb weiter alles auf den Notizblock. Am Wochenende hackte die Ehefrau des Geschäftsführers alles in eine Excel-Tabelle ein und wandelte diese in das gewünschte Format.“ Alles sei ins System eingespeist worden, „so dass am Ende das herauskam, was der Auftraggeber haben wollte – Daten, die scheinbar punktgenau den Prozess abbildeten.“

4.0-Change-Prozesse – neue Kompetenzen sind am Arbeitsmarkt gefragt

Jutta Reiter vom Deutschen Gewerkschaftsbund beobachtet ebenfalls eine zunehmende Skepsis gegen die Erhebung und Weiterleitung von Daten im Zuge der Digitalisierung. Ihrer Ansicht nach ist es sehr wichtig, alle Mitarbeiter von Anfang an am Wandlungsprozess zu beteiligen. Nur so könnten Ängste aufgefangen und beseitigt werden. Reiter: „Jüngere Personen sind eher unbekümmert, was z. B. Datensicherheit betrifft.“ Anders sehe es bei erfahrenen Kräften aus. Diese befürchteten beispielsweise einen Kontrollverlust. „Oder sie haben Angst um ihren Job. Denn manche Tätigkeiten fallen ganz weg, andere vereinfachen sich und einige werden viel anspruchsvoller als vorher.“ Dies bilde sich in einer veränderten Nachfrage nach Weiterbildungen ab. „Der große Renner bei uns sind Seminare zu Datenschutz und -sicherheit“, verrät die Gewerkschafts-Repräsentantin.

Dr. Patricia Stock vom REFA-Institut nimmt ähnliche Entwicklungen in ihrem Umfeld wahr. Das Institut bildet mit seinen Aktivitäten eine Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Praxis. Neben der Vergabe von Forschungsaufträgen zum Thema 4.0 konzipiert Stock die Inhalte der REFA-Weiterbildungen. „Der Schwerpunkt des REFA-Instituts liegt im Industrial Engineering. Techniker mit REFA-Hintergrund sind fit für den Wandel 4.0“, betont die Institutsleiterin. Eine in den Weiterbildungen vermittelte Kernkompetenz liege im Überblickswissen und im Erfassen von Gesamtzusammenhängen. Stock: „REFA-Leute können genau die Methoden einsetzen, die ihr Betrieb benötigt – dies kann der Schreibblock sein, aber auch ein digitales Endgerät.“

– Birgit Lutzer –

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