Wandlungsfähigkeit


Wandlungsfähigkeit

Definition

Panta rhei (πάντα ῥεῖ) – alles fließt. Dieser auf den griechischen Philosophen Heraklit zurückgeführte Aphorismus bedeutet so viel wie „alles ist im permanenten Wandel“. In moderner Form lebt er wieder auf in dem Sinnspruch „Das einzig Beständige ist der Wandel“. Darauf müssen wir uns einstellen: Wir müssen wandlungsfähig sein.

Vom Wandel ...

Der Wandel als (Ver-)Änderung, (Er-)Neuerung oder Umbruch kann dabei schleichend, stetig, evolutionär oder als kontinuierlicher Verbesserungsprozess (KVP) ablaufen, aber auch radikale, disruptive, revolutionäre Formen annehmen. So ist der demografische Wandel ein langanhaltender, schleichender Prozess, wogegen die Corona-Pandemie sehr kurzfristig zu einem erheblichen Wandel der Lebensumstände geführt hat.

Mit einem Wandel ändern sich jedenfalls die Gegebenheiten und Rahmenbedingungen – auf welcher Ebene auch immer, ob gesellschaftlich, sozial, politisch, rechtlich, wirtschaftlich oder technisch. Um dem Wandel begegnen und auf ihn reagieren zu können, muss man in der Lage, also fähig und bereit sein, die sich ändernden Umstände wahrzunehmen und sich selbst darauf einzustellen: Wandlungsfähigkeit ist gefragt.

... zur Wandlungsfähigkeit

Der Begriff „Wandlungsfähigkeit“ lässt sich allgemein definieren als die Bereitschaft und/oder das Vermögen zur Veränderung oder Anpassung. Eine Anpassung kann erfolgen an sich ändernde Umstände oder Bedingungen.

Unternehmerisch geplant und gesteuert werden kann der Wandel in einer Organisation über das Change Management. Dieses sollte langfristig strategisch ausgelegt sein, um vorausschauend neue Trends und Entwicklungen wahrzunehmen und zu antizipieren sowie proaktiv agieren zu können. Auf dieser Basis sind dann die Change-Prozesse zu gestalten, die kurz- bis mittelfristig die Anpassung der operativen Abläufe an die neuen Bedingungen ermöglichen.

Wandlungsfähigkeit – eine Abgrenzung

Wandlungsfähigkeit, Flexibilität, Anpassungsvermögen, Adaptivität, Agilität ... Diese Begriffe werden oft synonym verwendet, haben aber durchaus unterschiedliche Bedeutung. Aus Sicht der Systemtheorie kann folgende Abgrenzung getroffen werden:

  • Wandlungsfähigkeit ist die Eigenschaft eines Systems, Änderungsbedarf eigenständig identifizieren und sich selbst an veränderte Anforderungen anpassen zu können.
  • Anpassungsfähigkeit oder auch Adaptivität ist die Eigenschaft eines Systems, Änderungsbedarf eigenständig identifizieren zu können und darauf mit der Nutzung externer Ressourcen zu reagieren.
  • Flexibilität ist die Eigenschaft eines Systems, auf einen Änderungsbedarf als äußere Anforderung vorhandene interne Kapazitäten durch Einbezug interner und externer Ressourcen zu aktivieren.
  • Agilität ist die Eigenschaft eines Systems, auf einen internen oder externen Änderungsbedarf aufgrund unvorhergesehener Vorkommnisse und neuer Anforderungen dynamisch und proaktiv – nicht reaktiv – zu handeln. Typisch sind eine iterative Vorgehensweise und eine inkrementelle Lieferung als Anpassung an individuelle, sich schnell ändernde Kundenwünsche und volatile Märkte.

Wandlungstreiber: extern und intern

Ein Wandel kommt nicht von ungefähr: Er zeichnet sich ab – beispielsweise als Trend – und hat Ursachen. In jedem Fall muss eine Organisation als soziotechnisches System darauf reagieren, um die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit zu sichern. Ursachen für einen Wandel können in der Organisation selbst liegen oder von außen einwirken.

Zu den internen Faktoren, die einem Wandel unterliegen, zählen:

  • die Unternehmensstrategie. Hier sind ein Strategiewechsel (z. B. Änderung der Fertigungstiefe oder der Qualitätsstrategie), die Spartenzuordnung oder der An- und Verkauf von Unternehmensteilen (Mergers & Acquisition) beispielsweise Faktoren, die die Ausrichtung und langfristige Entwicklung der Organisation betreffen.
  • die Mitarbeiter. Aspekte wie die natürliche Alterung, die Personalpolitik, ein Employer Brand, aber auch der Fachkräftemangel und allgemein die demografische Entwicklung sind ausschlaggebend.
  • die technische Ausstattung. Produktionsmittel unterliegen der Alterung und der Abnutzung bzw. dem Verschleiß. Eine Ersatzbeschaffung ist meist mit einer Modernisierung verbunden – dies kann Prozessabläufe ändern und anders qualifizierte Mitarbeiter voraussetzen.

Zu den externen Faktoren, die einem Wandel unterliegen, zählen:

  • der normative Rahmen. Vorgaben, Vorschriften, Verordnungen und Richtlinien in allen Bereichen.
  • die Technologie. Digitale Transformation, Vernetzung, Automatisierung, neue Verfahren und Werkstoffe, aber auch Energieeffizienz und Ressourcenverbrauch spielen hier mit hinein.
  • die Kundschaft/der Markt. Auf verändertes Kaufverhalten muss reagiert werden – das Angebot und die Produktionszeiten müssen angepasst werden, um Kundenwünsche zu befriedigen.
  • der Wettbewerb/die Konkurrenz. Hier ist zu beobachten, wer aus dem Wettbewerb ausscheidet, wer neu eintritt und wer die neue Benchmark setzt. Die Auswirkungen zeigen sich im veränderten Angebot, auch in Bezug auf Qualität und Preis.
  • die Lieferanten. Ausscheidende und neu auf den Markt stoßende Lieferanten sind ebenso zu berücksichtigen wie Änderungen in der Supply Chain, ein Ausbleiben der Just-in-Time-Lieferung, Preisanstiege im Einkauf oder Qualitätseinbußen bei den benötigten Materialien.
  • und viele andere mehr. Die Umwelt, die Finanzmärkte, die Wirtschaft, allgemeine, gesellschaftliche Änderungen, natürliche und menschengemachte Katastrophen ...

Ansatzpunkte zur Gestaltung des Wandels

Die Wandlungsfähigkeit der eigenen Organisation – insbesondere des produzierenden Gewerbes oder der industriellen Serien- und Massenfertigung – wird bei sich schnell ändernden Kundenanforderungen und ständig wechselnden Rahmenbedingungen zu einem Wettbewerbsvorteil. Die Möglichkeit, die Produktion anzupassen, wird so zu einer Voraussetzung für die langfristige Existenzsicherung.

Die Einschätzung und Berechnung der Wandlungsfähigkeit als Benchmark (Stichwort: Industriebenchmarking) ist anhand von wenigen Faktoren möglich, die zu Kennzahlen verdichtet werden. Unterschieden werden zwei Bereiche:

  • die Output-Performance der Produktion. Bestimmt werden hier die Volumenflexibilität, die Variantenflexibilität und die Flexibilität der Fertigungsdurchlaufzeit.
  • der Einsatz von Technologie und Organisation zur Verbesserung der Output-Performance. Betrachtet werden hier die Automatisierungstechnik zur flexiblen Vernetzung von Vorgängen in der Wertschöpfungskette, die Flexibilität beim In- und Outsourcen, die Arbeitszeitflexibilität sowie die Fertigungstiefe.

Erhöhung der Wandlungsfähigkeit

Eine Erhöhung der Wandlungsfähigkeit ist möglich durch die Anpassung eines bestehenden Systems oder die Neueinrichtung eines Systems, das von vornherein über entsprechende Möglichkeiten verfügt.

Ein bestehendes Produktionssystem kann beispielsweise schnell und mit geringem Aufwand in einem begrenzten Maß an geänderte Rahmenbedingungen angepasst – flexibilisiert – werden. Das beginnt beim Rüsten, bei dem zum Beispiel die Anzahl und Art der Werkzeuge geändert werden kann. Es setzt sich fort mit der Auslegung und Ausstattung der Arbeitsplätze sowie der Zuliefer- und Verarbeitungswege. Temporär kann die Fertigungsstrecke auch durch weitere Gerätschaften und Einrichtungen ergänzt werden.

Ein wandlungsfähiges Produktionssystem ist vorhanden, wenn zum Zeitpunkt der Fertigungs- und Ablaufplanung nicht vorhandene Geräte und Einrichtungen später, während des Produktionsprozesses, integriert und auch an geänderte Anforderungen angepasste Produkte hergestellt werden können.

Neue Produktionssysteme können zur Gewährleistung maximaler Wandlungsfähigkeit als rekonfigurierbare Produktionssysteme erstellt werden. Ein solches System besteht aus autonomen und standardisierten Funktionseinheiten, also Modulen, die bedarfsgemäß schnell ausgetauscht und wieder zusammengesetzt werden können.

Um ein System wandlungsfähig zu gestalten, sollte es folgende Eigenschaften aufweisen:

  • Universalität: Das Werkzeug, Gerät oder die Maschine bzw. Anlage kann zur Bearbeitung unterschiedlicher Aufgaben verwendet werden (multiple use). Es ist möglich, sie je nach Anforderung umzurüsten und zu dimensionieren sowie unabhängig von anderen Anlagenteilen einzusetzen.
  • Neutralität: Keine Gerätschaft oder Anlage beeinflusst den Einsatz anderer Maschinen und Einrichtungen.
  • Modularität: Die verwendeten Gerätschaften lassen sich als autonome, funktionsfähige Einheiten beliebig zusammenstellen und kombinieren.
  • Kompatibilität: Alle Gerätschaften lassen sich untereinander und mit dem Leitstand bzw. mit Planungs- und Steuerungssystemen ohne Systembruch per Schnittstelle mit anderen Systemen vernetzen.
  • Skalierbarkeit: Jede Gerätschaft kann sowohl räumlich als auch technologisch erweitert oder verkleinert werden, um sie an die Durchflussmenge anzupassen.
  • Mobilität: Alle Gerätschaften sind nicht fest installiert, sondern lassen sich im Raum bewegen.

Die Umsetzung dieser Maßnahmen zur Gewährleistung einer hohen Wandlungsfähigkeit ist Aufgabe des Wertstromdesigns. Ziel ist dabei die Neugestaltung der Produktion, um eine kundenorientierte und effiziente Wertschöpfungskette zu verwirklichen und dabei Verschwendung weitestgehend zu vermeiden.

In jedem Fall hängt die Wandlungsfähigkeit auch vom Mitwirken und vom Engagement der Mitarbeiter ab. Das Personal muss entsprechend ausgebildet, geschult, aber auch motiviert sein, um die veränderten Prozesse zu unterstützen und mitzutragen. Hier steht die Führungsriege in der Verantwortung, sich einzubringen und auch nötige Personalentwicklungsmaßnahmen zu vereinbaren.

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