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Die globale Industrie vor großen Herausforderungen – der aktuelle Handlungsbedarf für Unternehmen in Belarus und weltweit


Die Welt erlebt derzeit eine neue industrielle Revolution, und die Unternehmen in Belarus müssen sich erheblich anstrengen, um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können. Die Herausforderungen wurden bei einem Seminar in Minsk von Professor Oliver Störmer, Geschäftsführer REFA AG, deutlich herausgestellt. Das Seminar wurde von der Business School IPM initiiert und durchgeführt. Die Business School IPM ist REFA-Partner in Belarus. Sie vertritt Interessen des Ministeriums für Industrie, staatliche Belange und der großen staatlichen Unternehmen in Belarus. Im Rahmen des Workshops führte Olga Tomashevskaya für das Portal TUT.BY ein Interview mit Professor Störmer.

Herr Professor Störmer, welche Änderungen werden aus Ihrer Sicht auf die belarussische und internationale Industrie in den kommenden Jahren zukommen?

Thema Nummer 1 für Industrieunternehmen in der ganzen Welt wird in den kommenden Jahren der Übergang zur sogenannten Industrie 4.0 sein. Wir sprechen über eine neue industrielle Revolution, die Unternehmen an ihre Grenzen bezüglich Innovations- und Leistungsfähigkeit bringen wird. Es gilt, die Notwendigkeit von Veränderungen zu erkennen und für ihre Durchführung die erforderlichen Ressourcen bereitzustellen. Diejenigen, die dies nicht tun, werden im Wettbewerb verlieren und aufgrund höherer Kosten und/oder mangelnder Leistungsfähigkeit den Markt verlassen. Dies ist kein nationales Problem von Belarus, es gilt gleichermaßen für alle Unternehmen in der Welt.

Was versteht man unter dem Begriff der Industrie 4.0?

In den vergangenen Jahrhunderten hat die globale Industrie erhebliche Veränderungen erfahren. Alles begann mit dem Einsatz von Maschinen, wodurch die Arbeit des Menschen leichter und die Produktion von Gütern effizienter wurde. Klassisches Beispiel für die erste industrielle Revolution ist die Textilindustrie in England während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Ein weiterer Meilenstein war die Entstehung der Fließfertigung. Vorreiter hier war Ford. Andere Automobilhersteller, die das Förderband ablehnten, konnten mit der Produktivität von Ford nicht mithalten – und verschwanden vom Markt.

In den 1980er-Jahren kam es zu einer dritten industriellen Revolution: Mit anwendungsreifer Informations- und Kommunikationstechnik wurden Maschinen und Anlagen in der Produktion unterstützt. Neben der Steuerung von Fertigungsmaschinen – CNC (Computer Numerical Control) – gab es auch Computerunterstützung in anderen betrieblichen Funktionsbereichen – CAD (Computer Aided Design), CAM (Computer Aided Manufacturing), … Mitunter ging dies mit erheblichen Veränderungen in der Organisation der Produktion einher.

Nun steht die vierte industrielle Revolution an, die zur Industrie 4.0 führen soll. Computer werden zu aktiven Teilnehmern im Produktionsprozess. Sie kommunizieren miteinander über das Internet und steuern so den Produktionsprozess. Dies entlastet die Menschen im Produktionsmanagement bei der Auftragsplanung und -steuerung.

Ich bin mir sicher, dass diesbezüglich in den nächsten fünf bis acht Jahren noch große Veränderungen auf die Industrie zukommen werden.

Die beiden wichtigsten Herausforderungen, mit denen Unternehmen konfrontiert werden, sind die richtige Bewertung und das effiziente Management von Prozessen. Daher wird es in der ersten Stufe des Übergangs zur Industrie 4.0 notwendig sein, Produktionsprozesse zu erfassen, zu bewerten, zu gestalten und zu optimieren. Erst wenn die Prozesse optimal organisiert sind, kann die technische Unterstützung im Sinne der Industrie 4.0 nochmals eine deutliche Leistungssteigerung und Kostenminimierung bewirken.

Möglicherweise wird bereits an der Entwicklung von „Industrie 5.0“ gearbeitet, während sich die Unternehmen noch mit der Industrie 4.0 befassen. Sollten wir nicht gleich den nächsten Schritt tun?

20 bis 30 Jahre sind seit der letzten industriellen Revolution vergangen. Dachte vor zehn Jahren noch niemand an Industrie 4.0, so hat sich deren Dringlichkeit in den letzten vier bis fünf Jahren herauskristallisiert. Wir können nicht auf den nächsten Entwicklungsschritt – wie der auch immer aussehen mag – warten. Für Industrie 4.0 haben wir dringenden Handlungs- und Umsetzungsbedarf.

Woher wissen Sie in dieser schnelllebigen Zeit, dass wir gerade jetzt investieren müssen?

Das ist ein wirklich ernstes Problem. Allerdings gibt es Methoden, mit denen man bestimmen kann, welche Investitionen sinnvoll sind. Dies betrifft insbesondere Bereiche mit hohem Anteil an manuellen Tätigkeiten und Personalkosten. Oder Bereiche, in denen teure Ressourcen eingesetzt werden und störungsfreie, optimale Prozesse zwingend notwendig sind. Industrie 4.0 minimiert die Lagerbestände. Maschinen informieren sich gegenseitig und steuern den Auftragsdurchlauf. Damit das dadurch mögliche Produktionstempo realisiert werden kann, müssen 5G-Webstandards genutzt werden können. 4G reicht für solche Aufgaben nicht aus.

Ein solch hoher Automatisierungsgrad kann zur Entlassung einer großen Anzahl von Menschen führen. Sind denn da nicht soziale Probleme vorprogrammiert?

Ja, Industrie 4.0 kann zu Personalfreisetzungen führen. Wenn man den Schritt jedoch nicht geht, besteht die Gefahr, dass das Unternehmen seine Wettbewerbsfähigkeit einbüßt, insolvent wird und alle Arbeitsplätze verloren gehen.

Heute bei einem Treffen im Ministerium für Industrie sprachen wir über eine Traktorenfabrik, die im Wettbewerb mit einem amerikanischen Hersteller steht, der durch die Nutzung von Industrie 4.0 Kosten in Höhe von 30 bis 40 % reduzieren wird. Bei der Traktorenfabrik in Belarus waren bislang die Kostenvorteile durch den Einsatz von billigen Arbeitskräften bedingt. Diese Vorteile werden mit hoher Wahrscheinlichkeit in kurzer Zeit verschwunden sein.

Produktionsoptimierung ist für Sie ein erster Schritt in die Industrie 4.0. Was heißt das konkret?

Notwendig ist die Optimierung der gesamten Produktionskette. Hier geht es darum, alle Störungen, Engpässe und Schwachstellen entlang des Wertschöpfungsprozesses systematisch abzubauen. Hierfür müssen die jeweils geeigneten Methoden eingesetzt werden. Nur durch eine ganzheitliche Analyse, Bewertung und Gestaltung aller Teilprozesse können die anvisierten Unternehmensziele erreicht und die Prinzipien der Industrie 4.0 umgesetzt werden.

Beim Optimierungsprozess sind natürlich stets die Unternehmensgröße, Branche, Produktportfolio, Produktionsorganisation und andere Kriterien anforderungsgerecht zu berücksichtigen. Hoch spezialisierte Einzelfertiger stehen hier vor anderen Herausforderungen wie Massenproduzenten. Das wird auch weiterhin so bleiben. Gleichwohl müssen sich die Verantwortlichen mit den Prinzipien der Industrie 4.0 auseinandersetzen.

In Belarus geht es nicht nur um die Optimierung der Produktion. Viele staatliche Unternehmen produzieren mehr als sie verkaufen können. Es ist unwahrscheinlich, dass Kostenreduzierung und Produktionsoptimierung alleine das Problem lösen werden.

Natürlich, die Einführung von Industrie 4.0 setzt voraus, dass sich die erzeugten Produkte auch verkaufen lassen. Wenn der regionale Markt zu klein ist, müssen die Unternehmen international verkaufen. Ein historisches Beispiel ist die ehemalige DDR. Trotz der Produktion von unverkäuflichen Waren gingen die Betriebe nicht bankrott, da sie staatlich subventioniert wurden. In Belarus besteht dieses Risiko auch. Ineffiziente Unternehmen werden durch externe Kredite künstlich am Leben gehalten.

Gibt es in der Welt Beispiele für Unternehmen, die bereits den Übergang zur Industrie 4.0 geschafft haben?

Vielleicht noch nicht zu 100 %, aber es gibt Unternehmen, die Elemente der Industrie 4.0 nach und nach eingeführt haben und bereits jetzt mit großen Kostenvorteilen am Markt agieren können. Ein Beispiel ist die Firma Renault, die im Jahr 1999 99 % des rumänischen Autoherstellers Dacia übernahm. Die Dacia-Produktionsanlagen waren in einem katastrophalen Zustand und mussten nach der Übernahme völlig neu aufgebaut werden. Unter anderem dem Einsatz von Industrie 4.0 ist es zu verdanken, dass die Herstellkosten deutlich gesenkt werden konnten und heute ein Dacia-Auto bereits für 6.000 Euro zu bekommen ist. Vor zehn Jahren wäre dies undenkbar gewesen.

Sollte aus dieser Sicht Belarus nicht stärker mit internationalen Unternehmen kooperieren?

Meine Hauptsorge besteht darin, dass verfügbares Know-how zum Erhalt und zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit nicht im erforderlichen Maße geteilt wird. Belarus braucht die Hilfe von Staaten und internationalen Institutionen, die über Kompetenz und Erfahrungen bei der Unterstützung solcher Veränderungen verfügen.

Herr Professor Störmer, vielen Dank für das Gespräch.

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