Studie vom Reuters Institute an der Universität Oxford: „Journalism and Technology – Trends and Predictions 2025“
Das Reuters Institute for the Study of Journalism (RISJ) ist eine Drittmittel-finanzierte Forschungseinrichtung der Universität Oxford, die sich mit den weltweit existierenden Nachrichtenmedien befasst. Das RISJ wurde 2006 als Teil des Department of Politics and International Relations der University of Oxford gegründet und ist Partnermitglied des European Journalism Observatory, eines internationalen Netzwerks aus elf europäischen Forschungsinstituten. Es soll die in den Medien ausgeübte journalistische Praxis mit der akademischen Forschung verbinden. Dazu werden Veranstaltungen, unter anderem Vorträge und Diskussionen, abgehalten sowie Weiterbildungsmaßnahmen, beispielsweise Seminare, angeboten. Darüber hinaus werden regelmäßig Veröffentlichungen wie der jährlich erscheinende Digital News Report publiziert.
Es besteht eine Verbindung zu der ebenfalls in London ansässigen internationalen Nachrichtenagentur Reuters, die 2008 von der The Thomson Corporation mit Sitz im kanadischen Toronto übernommen wurde. Aus Reuters wurde dadurch der Medienkonzern Thomson Reuters, der über eine Stiftung, die Thomson Reuters Foundation, die Kernfinanzierung des Reuters Institute übernimmt. Im Gegenzug führt das RISJ die Thomson Reuters Journalism Fellowship Programme durch.
Studiendesign
Für die Anfang Januar 2025 veröffentlichte Studie „Journalism and Technology – Trends and Predictions 2025“ wurden im Zeitraum vom 20.11.2024 bis zum 20.12.2024 326 in den Medien tätige Führungskräfte in 51 Ländern und Regionen weltweit befragt, überwiegend aus den USA und Europa. Die Stellenbezeichnungen der Befragten lauteten „Editor-in-Chief/Executive Editor“ (65 Prozent), „CEO/Publisher“ (63 Prozent), „Deputy/Senior Editor“ (46 Prozent), aber auch „Digital Director/Chief Digital Officer (CDO)“ (27 Prozent), „Managing Director“ (21 Prozent) oder „Head of …“ (Digital, Innovation, Artificial Intelligence, Marketing, Business …). 54 Prozent der Teilnehmer kamen aus den Printmedien, 25 Prozent aus dem öffentlichen oder privaten Rundfunk, 18 Prozent waren für digitale Medien verantwortlich und 6 Prozent stammten aus Nachrichtenagenturen oder aus dem Business-to-Business- (B2B-)Bereich.
Kernaussagen
Die Medien, insbesondere Nachrichtenorganisationen, stehen unter erheblichem Druck. Zu den Herausforderungen gehören die reduzierte Sichtbarkeit aufgrund der sinkenden Reichweite. Abonnenten und Anzeigenkunden wandern ab, wirtschaftliche Einbußen sind die Folge. Dazu kommt der Verlust an Glaubwürdigkeit durch Anfeindungen von Politikern, Wirtschaftsführern und Influencern sowie die Hinwendung von Kunden zu den Social Media. Auch die unklare Rechtslage beim Schutz des geistigen Eigentums gegenüber KI-gesteuerten Plattformen und mangelhafte Vergütungen der Inhalte sind Ursachen des Niedergangs der Medienhäuser.
Trotzdem schauen 56 Prozent der Verantwortlichen in Nachrichtenorganisationen und Medienhäusern optimistisch in das Wirtschaftsjahr 2025. Abonnements und Mitgliedschaften sind weiterhin mit 77 Prozent die wichtigsten Einnahmequellen für Verlage. Denen folgen Display Advertising, also grafischen Anzeigen auf den Webseiten, mit 69 Prozent und Native Advertising, bei dem Werbung nur schwer von redaktionellen Inhalten zu unterscheiden ist, mit 59 Prozent. Weitere Einnahmequellen sind Veranstaltungen (48 Prozent), Affiliate-Programme, also „Freundschaftswerbung“ (29 Prozent), Spenden (19 Prozent) und verwandte Geschäftsbereiche (15 Prozent). Hier besteht meist ein Mix aus drei oder vier verschiedenen Quellen. Zudem werden neue Produkte entwickelt. 29 Prozent planen den Zugang zu Spielen oder Bildungsangeboten, 20 Prozent die Einführung einer internationalen oder fremdsprachigen Version. 42 Prozent wollen im Jahr 2025 ein „Jugendprodukt“ einführen oder testen. Viele der neuen Produkte werden vermutlich gebündelt und als „All-Access“-Abonnements angeboten.
Trotz aller Zuversicht bei den wirtschaftlichen Perspektiven wird die zukünftige Rolle des Journalismus eher skeptisch beurteilt: 41 Prozent sehen eine positive Entwicklung des Journalismus, 17 Prozent eine negative. Den Trend zu Influencern und Kreativen beurteilen 27 Prozent als negativ, da die institutionelle Nachrichtenberichterstattung verdrängt werden könnte. 28 Prozent hingegen stehen dem positiver gegenüber, da Nachrichtenorganisationen beim Story Telling und beim Aufbau von Communities viel lernen können. Denn als eine der größten Herausforderungen gilt, ein größeres Publikum anzusprechen und die nächste Generation zu gewinnen. Dabei wird es immer wichtiger, den Wandel zu gestalten und dabei den journalistischen Grundwerten treu zu bleiben. Hierbei wird der Einsatz von KI als Schlüsseltechnologie gesehen.
74 Prozent der Befragten gaben an, dass sie einen Rückgang des Suchmaschinen-Traffics vermuten. Um dem zu begegnen, planen 56 Prozent der Interviewteilnehmer, Beziehungen zu KI-Plattformen wie ChatGPT und Perplexity aufzubauen. Lizenzvereinbarungen erlauben dann den Tech-Unternehmen den Zugang zu Medieninhalten, mit denen sie ihre Modelle trainieren können. Die Medienunternehmen werden dafür vergütet und/oder dürfen die Technologie nutzen. Für 36 Prozent der kommerziellen Verleger sind die Lizenzeinnahmen von Technologie- und KI-Unternehmen in Zukunft eine wichtige Einnahmequelle. 72 Prozent gaben an, dass sie kollektive, branchenumfassende Vereinbarungen individuellen Abkommen vorziehen würden.
Viele Verlage beabsichtigen, die Qualität ihrer Websites zu verbessern, mehr personalisierte Nachrichtenerlebnisse zu schaffen und weiter in Audio und Video zu investieren. 52 Prozent wollen ihr Engagement bei YouTube verstärken, 48 Prozent das bei TikTok und 43 Prozent jenes bei Instagram.
Dabei findet die Transformation von Redaktionen durch KI bereits statt: 87 Prozent der Befragten gaben an, dass sich ihr Newsroom durch generative KI vollständig oder teilweise verändern wird. Neben der Personalisierung von Formaten hat die Automatisierung von Prozessen im Backend, dem Bereich der Redaktionen, der der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, Priorität. Die Mehrheit der Befragten gab an, Funktionen einsetzen zu wollen, um Texte in Audiodateien umwandeln (75 Prozent), KI-generierte Zusammenfassungen an den Anfang von Artikeln zu stellen (70 Prozent) oder Nachrichten in verschiedene Sprachen übersetzen zu lassen (65 Prozent). 56 Prozent wollen sich vermehrt mit KI-Chatbots und Suchschnittstellen befassen, um beispielsweise das Lektorat oder die Redaktion zu entlasten.
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