Arbeitszeitverkürzung – ein Erfolgsmodell am Ende?
In vielen Tarifverträgen ist die betriebliche Arbeitszeit auf weniger als 40 Stunden pro Woche festgelegt – in der Metall- und Elektroindustrie beispielsweise auf 35 Stunden. In Zeiten mit bis zu fünf Millionen Arbeitslosen war die Arbeitszeitverkürzung ein sinnvolles Mittel, um die vorhandene Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen und dadurch mehr Menschen in „Lohn und Brot“ zu bringen. Doch stellt sich heute die Frage: Ist dieses Modell angesichts der aktuellen wirtschaftlichen und demografischen Herausforderungen noch sinnvoll?
Kurze Arbeitszeiten in Zeiten des Fachkräftemangels
Angesichts des Fachkräftemangels und des demografischen Wandels stellt sich die Frage, ob eine 35-Stunden-Woche noch zeitgemäß ist. Kann eine Errungenschaft der Gewerkschaften unter veränderten Rahmenbedingungen zum Mühlstein für Wirtschaft und Sozialsysteme werden? Darf eine hart erkämpfte Leistung aufgegeben werden? Oder erfordern neue Rahmenbedingungen nicht auch neue Antworten? Kann etwa der gesetzlich geplante steuerfreie Überstundenzuschlag, z. B. ab der 36. Stunde in der Metall- und Elektroindustrie, die Lösung sein? Bedeutet diese geplante Regelung tatsächlich eine Entbürokratisierung?
Antworten auf die geänderten Rahmenbedingungen
Liegt die Lösung für den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel nicht eher in verlängerten tariflichen Arbeitszeiten – etwa auf 40 Stunden pro Woche? Diese Arbeitszeitverlängerung käme ohne Mehrarbeitszuschläge aus. Eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit von 35 auf 37 Stunden entspräche einer Steigerung um 5,7 %, eine Erhöhung auf 40 Stunden einer um 12,5 %. Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit um ein Jahr – z. B. von 40 auf 41 Jahre – würde hingegen nur eine Erhöhung von 2,5 % bedeuten.
Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit und Sozialsysteme
Die Auswirkungen einer – ggf. schrittweise eingeführten – Verlängerung der tariflichen Wochenarbeitszeit auf die Unternehmen und ihre Wettbewerbsfähigkeit liegen auf der Hand. Auch der Beitrag, den eine solche Maßnahme zur Finanzierung der Sozialsysteme leisten kann, ist nicht zu unterschätzen und eine spannende Fragestellung für die Volkswirtschaft.
Fazit
Die Arbeitszeitverkürzung am Ende des letzten Jahrhunderts war eine Antwort auf die Herausforderungen jener Zeit mit bis zu fünf Millionen Arbeitslosen. Angesichts veränderter Rahmenbedingungen in Gegenwart und Zukunft, insbesondere des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels, braucht es heute neue, angemessene Lösungen, nicht zuletzt durch die Tarifvertragsparteien.
Ockenfels, den 08.08.2025
Eckhard Eyer
www.eyer.de
