Interdisziplinäres Arbeiten und Digitalisierung – Anforderungen und Herausforderungen für das Industrial Engineering


Verfasser: Kim Bogus, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am REFA-Institut e.V., Dortmund

Wenngleich Digitalisierung und Industrie 4.0 den betrieblichen Arbeitsalltag zunehmend beeinflussen werden, so können Algorithmen und Programme den Menschen nicht ersetzen und erst recht nicht führen. Dennoch verändert sich das klassische Bild der Führungskraft hin zum Motivator und Unterstützer. Erfahren Sie in diesem Beitrag, welche Auswirkung die Veränderung in der digitalen Arbeitswelt auf den Arbeitsalltag des Industrial Engineer haben kann.

Change Management steht im Vordergrund

Die wohl größte Herausforderung bei der Digitalisierung von Unternehmen ist die Bewältigung der anstehenden Veränderungen. Nach einer Umfrage bemängeln 49 % der befragten Betriebe, dass sich bei Digitalisierungsprojekten nicht der erwartete Nutzen einstellt. Nahezu die Hälfte der Unternehmen gibt an, dass Koordinationsprobleme und die Kommunikation in den Projekten verbesserungswürdig seien [1]. Schon 2017 gaben neun von zehn Führungskräften in einer Befragung an, dass Sie innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahren starke bis sehr starke Veränderungen im Unternehmen erwarten [2]. Dafür sollen vor allem die Individualisierung von Produkten sowie die Services verantwortlich sein. Dass sich etwas ändert, haben also die meisten schon „gespürt“. Dennoch verlaufen viele Digitalisierungsprojekte nicht wie geplant.

Starke Veränderungen betreffen oftmals nicht nur einen Teilbereich des Unternehmens, sondern haben Auswirkungen auf den Menschen, die Organisation und die Technik als Ganzes. Der Schluss liegt also nahe, dass die fortschreitende Digitalisierung die Koordinierung und Kommunikation nicht nur im Projektmanagement verändern wird, sondern auch im Betriebsalltag. Durch den digitalen Wandel entstehen neue Strukturen in der Organisation durch die horizontale und vertikale Integration sowie vernetzte Formen der Kommunikation im globalen Kontext (z.B. Virtual Reality). Diese beeinflussen nicht zuletzt auch das Arbeitsfeld des Industrial Engineer als Bindeglied zwischen den zunehmend vernetzten interdisziplinären Bereichen im Unternehmen (Bild 1).

Industrial Engineer als Gestalter und Koordinator, als Multiplikator und Motivator

Die Kommunikation wird zunehmend ortsungebunden stattfinden können und ermöglicht den Informationsaustausch in Echtzeit über große Entfernungen. Die Koordination von Projekten und Tätigkeiten wird im vielschichtigen Umfeld der Digitalisierung und Industrie 4.0 komplexer. Führungskräfte oder Projektverantwortliche werden vermehrt Teams von interdisziplinären Experten koordinieren, was zur Folge hat, dass Fachfragen kaum mehr durch die Führungskraft beantwortet werden können. Es bedarf also vielmehr einer Vertrauenskultur und dem Führen nach Zielen. Der Industrial Engineer ist von diesen Veränderungen ebenfalls betroffen, nämlich zum einen als Gestalter neuer Formen der Arbeit und zum anderen als Koordinator im interdisziplinären Arbeitsumfeld.

Bild 1: Spannungsfeld des Industrial Engineering

Die Hauptaufgabe des Industrial Engineer ist nicht nur die Gestaltung neuer Formen der Arbeit, er muss auch in der Lage sein, selbst diese neuen Formen zu nutzen und als Pionier und Vorbild zu fungieren. Als Multiplikator und Motivator im Unternehmen sorgt er für Akzeptanz und ermöglicht eine nachhaltige Umsetzung. Er „dirigiert“ fachfremde komplexe Detailfragen an entsprechende Experten und unterstützt die Fachexperten als Coach. In zukünftig stark vernetzten Umgebungen ist dies besser möglich, da entscheidende Informationen einfacher erlangt und weitergegeben werden können. Hierbei helfen z.B. Anwendungen auf Smartphones, Tablets oder Ähnlichem.

Digitalisierung schafft Freiräume für kreatives Arbeiten

Kreatives Arbeiten wird zukünftig in allen Berufsschichten sehr viel wichtiger sein, da Maschinen und Algorithmen einfache Aufgaben übernehmen werden. Entscheidend ist dabei eine rechtzeitige und strukturierte Förderung und Schulung des Personals im Unternehmen. Neue Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine (z.B. Assistenzsysteme) erlauben es nicht nur dem Industrial Engineer, sondern auch der Instandhaltung oder dem Maschinenbediener, mehr Zeit komplexeren Problemstellungen zu widmen. Es ist daher besonders wichtig als Industrial Engineer, den Qualifizierungsaspekt bei der Gestaltung zukünftiger Arbeitsplätze und -systeme frühzeitig zu berücksichtigen.
Mehr Kreativarbeit in Kombination mit der digitalen Vernetzung und der allgegenwärtigen Verfügbarkeit von Informationen führt bei richtiger Gestaltung der Prozesse auch dazu, dass routinemäßige Absprachen zwischen verschiedenen Bereichen und auch Hierarchiestufen wesentlich effektiver und vor allem auf Augenhöhe erfolgen können. So können beispielsweise bei KVP-Runden Probleme bei geringerem Zeitaufwand diskutiert und gelöst werden.

Zukünftig werden Experten aus verschiedensten Bereichen in interdisziplinären Teams zusammenarbeiten. Hierbei kann schnell die Orientierung verloren gehen, weshalb der Industrial Engineer besonders gefordert ist. Seine Aufgabe ist es, im interdisziplinären Umfeld zu koordinieren und dadurch der Unternehmens- und Abteilungsstruktur Orientierung und Sicherheit zu geben.

Doch nicht nur neue Anforderungen muss der Industrial Engineer stemmen. Auch längst bekannte Kernkompetenzen wie Empathie und Sozialkompetenz kommen zum Tragen, beispielsweise im Spannungsfeld von jungen, oftmals technisch affineren „Digital Natives“ und der alternden, aber wesentlich erfahreneren Belegschaft. Hier muss der Spagat gelingen, um das verfügbare Wissen von beiden Seiten nutzbringend und nachhaltig einzusetzen und dieses auch zu erhalten.

Letztendlich ermöglicht die Industrie 4.0 durch ihre Anwendungen und Assistenzsysteme vor allem den leichteren Umgang mit der steigenden Komplexität und eröffnet idealerweise eine Tür, um den entstehenden Mehrgewinn an Zeit für das Kerngeschäft des Unternehmens zu nutzen. Im Produktionsumfeld bedeutet dies die Rückkehr zum Shopfloor und rückt dessen Management in den Vordergrund. Und auch hier sprechen wir von bereits bekannten Aufgaben für das Industrial Engineering, dessen Methoden nicht neu erfunden werden müssen. Allerdings bedeutet die zunehmende Nähe zum direkten Produktionsumfeld auch ein gewisses technisches Grundverständnis zu Produktionsprozessen und zum Produkt, welches der Industrial Engineer durch seinen Ausbildungshintergrund mitbringt.

Die Arbeit des Industrial Engineer im direkten und indirekten Umfeld eines Betriebes rückt im Kontext der Industrie 4.0 mehr denn je in den Mittelpunkt. Dabei sollte und darf aber nicht nur der Veränderungsprozess an sich betrachtet werden. Auch der anschließende Betrieb mit einer neuen Struktur, in der kulturelle, organisatorische, prozessuale oder auch technische Veränderungen umgesetzt worden sind, muss funktionieren. Der Gestaltungsaspekt spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Denn nur wenn alle gestalterischen Anforderungen für die Industrie 4.0 erfüllt sind, kann diese auch nutzenbringend umgesetzt werden. Dies schließt die veränderte Kommunikation im Unternehmen mit ein. Für den Industrial Engineer bedeutet das, auch das eigene Arbeitsverhalten zu reflektieren und an die neue Arbeitsumgebung anzupassen. Nur so können die Herausforderungen der Industrie 4.0 ganzheitlich und vor allem nachhaltig gemeistert werden.

Quellen

[1] Wie Führung in die Industrie 4.0 funktioniert. Aufgerufen am 24.04.2019 unter https://www.produktion.de/topindustrieforum/wie-fuehrung-in-die-industrie-4-0-funktioniert-216.html?page=1

[2] Staufen AG: Change Readiness Index 2017. Aufgerufen am 24.04.2019 unter https://www.staufen.ag/fileadmin/HQ/02-Company/05-Media/2-Studies/STAUFEN.-studie-erfolg-im-wandel-management-summary-de_DE.pdf

 

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